See Me Working

Arbeiten Sie gerne? Arbeiten Sie hart? Sind Sie Stolz auf ihre Arbeit? Verdienen Sie genug mit ihrer Arbeit? Wird ihre Arbeitsleistung Anerkannt?
Wertschätzen Sie die Arbeit anderer Menschen?

SEE ME WORKING ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt, in dem ich mich mit dem Begriff der Arbeit auf mehreren Ebenen auseinandersetze.
1. Das Sichtbarmachen eigener Arbeitsprozesse im öffentlichen Raum durch Performance
2. Das Umsetzen in ein malerisches Werk
3. Das Zurückführen dieses Werkes in den öffentlichen Raum
4. Das Sichtbarmachen anderer Frauen und ihrer handwerklichen Arbeit

I don`t wanna inherit, 2020
Acryl,Öl, Baumwolle auf Leinwand, 163 x 95 cm
Die Leinwand wurde vom Rahmen abgenommen.
Das Bild hängt ohne Rahmen an der Wand.
Serie: see me working

 

SEE ME WORKING hat sich aus meiner bisherigen Arbeit entwickelt. Seit 2007 arbeitete ich als Künstlerin vorwiegend prozessorientiert. Der Wunsch mit meiner künstlerischen Tätigkeit Veränderungen anzustoßen, um sie gemeinsam mit anderen weiter zu entwickeln, wurde stärker als der Impuls allein mein malerisches Werk weiter zu entwickeln. Seitdem schaffe ich keine einzelnen Werke mehr, sondern initiiere Prozesse. Die damit verbundenen Projekte, Werke oder Produkte verstehe ich als kontinuierliches, künstlerisches Werk. Angefangen hat es mit dem Upcycling Projekt “Frau Wagner“ , das mit einer Modenschau im Ballhaus Ost 2007 begann und das es bis heute gibt. Aktuell habe ich im Januar 2020 gemeinsam mit der Modeschule Berlin die Upcycling Kollektion “Try Walking In My Shoes“ aus alten, grünen Berliner Polizeiuniformen erarbeitet, die (zu einem momentan unsicheren Zeitpunkt) im Deutschen Historischen Museum gezeigt werden wird. Damals war ich in Deutschland die erste Künstlerin, die sich mit dem Thema Mode und den damit verbundenen katastrophalen Fertigungs- und Umweltbedingungen beschäftigte. Durch die Modenschau “Frau Wagner“ im Ballhaus Ost machte ich mit einer Couture-Kollektion aus umgearbeiteten, abgelegten Kleidungsstücken darauf aufmerksam.

I work hard to be poor, 2020
Acryl,Öl, Baumwolle auf Leinwand, 163 x 95 cm
Die Leinwand wurde vom Rahmen abgenommen.
Das Bild hängt ohne Rahmen an der Wand.
Serie: see me working

 

Seither initiiere ich Projekte, die alle mit einer politischen Dimension von Kunst, Mode, Umwelt und Handwerk zu tun haben. Es dauerte aber von 2007 bis 2015 bis ich begriff, dass das, was alle meine Projekte eint, dass der gemeinsame Nenner nicht Kunst, Kleidung oder Umweltbewusstsein ist, sondern die Arbeit selbst. Damals steckte ich gerade mitten in meinem Projekt 1+ all, einer Initiative um geflüchtete Frauen in ein Netzwerk aus Handwerkerinnen einzubinden. Zusammen präsentierten wir 1+ all im Projektraum Between Bridges von Wolfgang Tillmans und in der Galerie Springer in Berlin. Das Schicksal der Frauen, ihre Kraft, ihr Mut und ihre Freude an unserem Handwerksprojekt, der Stolz ihre eigenen Traditionen zeigen zu können und die Schwierigkeiten sich in Berlin ein vollkommen neues Leben aufzubauen, haben mich tief bewegt und mich emotional sehr gefordert. Meine eigene Situation war zu diesem Zeitpunkt finanziell sehr angespannt. Ich finanzierte das Projekt selbst aus dem Verkauf unserer kleinen Kollektion, der nie reichte und ich war ständig auf der Suche nach Sponsoren. Ich fühlte mich wie eine Bittstellerin, eine Bettlerin. Vor dem Einkaufsladen in meiner Nachbarschaft stand damals eine ältere Frau aus Rumänien und bettelte auch. Wir unterhielten uns immer ein wenig und sie bestand darauf ihr Betteln wieder und wieder als ihre Arbeit darzustellen. „Muss arbeiten, muss, muss!“ Das hat mir zu denken gegeben, mir oft Mut gemacht und meinen Durchhaltewillen gestärkt, denn auch ich war in einer Muss-Muss-Schleife gefangen. Ich begann ganz anders über Arbeit, Würde und Verantwortung nachzudenken. Sie arbeitet übrigens heute noch manchmal vor dem Laden. Und ich machte 2015 im Schaufenster der C+K Galerie in Berlin Mitte meine erste Performance. Für alle sichtbar saß ich dort 5Tage an der Nähmaschine und nähte vor aller Augen, vor allem vor den Augen von David Chipperfield Architects, deren Büro mir gegenüber lag, ein T-Shirt nach dem anderen aus gebrauchten und ausrangierten T-Shirts. SEE ME WORKING fand dann 2017 in der Galerie Mana in Wien, 2018 in einer ehemaligen Bankfiliale in Linz und im Februar 2020 im Rahmen von „A Femmes City“ im U-Bahnhof Kleistpark in Berlin statt.

Not yet burried in your clichés, 2020
Acryl,Öl, Baumwolle auf Leinwand, 163 x 95 cm
Die Leinwand wurde vom Rahmen abgenommen.
Das Bild hängt ohne Rahmen an der Wand.
Serie: see me working

 

Jetzt entwickle ich das Projekt in eine neue Dimension weiter. Ich male meine eigenen Kleider als Stillleben in einer Technik aus Acryl und Öl auf Leinwand.  Wenn die Bilder getrocknet sind, nehme ich sie vom Holzrahmen ab. Sätze, die ich beim Arbeiten gedacht habe, werden von mir aus Stoff ausgeschnitten, auf die Leinwand appliziert und mit der Hand festgenäht. Aus der Nähe sind die Stiche, die die Buchstaben auf der Leinwand festhalten, gut sichtbar. Das Stillleben und seine Botschaft verweisen auf Arbeit und Handwerk und haben gleichzeitig etwas Plakatives. Ich sehe das als einen ironischen Bezug zu den riesigen Plakaten der Werbewelt, die uns dazu auffordern mehr und mehr zu konsumieren und dabei verbergen, dass das nur durch die schlecht bezahlte Arbeit von Millionen von Menschen möglich ist. Ein  1 Euro Shirt bei Primark fällt nicht aus der Fabrik, sondern wird von einem Menschen erarbeitet. Da diese Kampagnen uns permanent eine Scheinwelt vorspiegeln, habe ich aus jedem Stillleben eine Serie von modernen Trompe-l’oeils entwickelt. Es sind Fotoarbeiten, die ebenfalls eine Scheinwelt zeigen. Meine Ölbilder finden sich inmitten von Müllanhäufungen oder in den Schaufenstern von Modeketten oder in einem Parkhaus wieder. Was ist Wirklichkeit? Dieses Format der Sichtbarmachung möchte ich als Serie über meine selbstgefertigten Kleider weiterentwickeln und auf andere Frauen und ihre Arbeit ausweiten. SEE ME WORKING macht langfristig auch andere Frauen und ihre Arbeit sichtbar.

Ob Töpferin, Schusterin, Täschnerin, Stickerin oder Weberin, die jeweilige Protagonistin besuche ich bei ihrer Arbeit, um Fragen stellen zu können und Antworten zu finden. Falls möglich mache ich eine Fotoserie oder einen kleinen Film über die Protagonistin beim Arbeiten. Dann erarbeite ich die Bildkonzeption für das Stillleben, fertige Skizzen an und male das Bild. Es fällt jeder Protagonistin sicher ein Satz zu ihrer Arbeit ein, der von mir auf das Ölbild genäht wird. Aus diesem Austausch, der Gemeinsamkeit, dem Sprechen über die Arbeit findet sich der Kontext für die Fotoserie aus dem Stillleben als modernem Trompe-l’oeil, das von der persönlichen Arbeitsleistung auf eine Lebens-, Gesellschafts- oder Umweltsituation verweist. Als Grundlage und Beispiel sind mir traditionelle handwerkliche Arbeitstätigkeiten von Frauen wichtig, weil es wunderbare, komplexe Fertigkeiten und angewandte Traditionen sind, deren Werte innerhalb von Gemeinschaften und Regionen oft nur mühsam erhalten werden können und die im absoluten Gegensatz stehen zur globalen Massenfertigung. Wer kaum Geld verdient, ist marginalisiert und die handwerkliche Könnerschaft ist nicht viel wert und so werden auch die damit verbundenen Traditionen entwertet. Aber diese Traditionen sind Teil einer Geschichte, einer Heimaterfahrung, einer Verwurzelung. Hier in Berlin gibt es viele unterschiedliche Handwerkerinnen. Sie kommen vom Spreewald, aus der Ukraine, Bulgarien, Syrien, dem Senegal oder aus Afghanistan und sind heute Berlinerinnen. Ich muss also nicht einmal sehr weit reisen.